Selbstregulation –Selbstheilkraft

Selbstregulation –Selbstheilkraft


Unter Selbstregulation verstehen wir physische und psychische Vorgänge, mit denen wir unseren Organismus selbst steuern. Wir steuern unsere Körperfunktionen, Emotionen, Gedanken, Instinkte und Handlungen.
Lässt die Fähigkeit zur Selbstregulierung nach, so kann sie wieder angeregt werden.

Systemisch gesehen erschafft sich der Mensch unentwegt selbst - so wie jedes andere lebende System.
Bewegung, Organtätigkeit, Nervensystem, Zelltätigkeit, Emotionen, Blutkreislauf, Körperspannung, Körpertemperatur… alles organisiert sich ohne unser bewusstes Zutun.
Wir reagieren schon auf kleinste Impulse oder Verstörungen mit einer Neuordnung unseres Systems. Sei es, dass wir uns an die Wetterlage anpassen – an Hitze und Kälte. Sei es, dass Krankheitserreger im Umlauf sind und unser Immunsystem auf Hochtouren läuft.
Unbewusst verändern wir unentwegt unsere strukturelle Ordnung. Wir leben eigendynamisch, wir passen uns an und grenzen uns ab.


Einheit in der Vielfalt:

Die Körperfunktionen, die psychischen Vorgänge und das soziale Verhalten spielen dabei auf eine bestimmte Weise zusammen, die vielen Menschen eigen ist. Deshalb kann zum Beispiel unser Konsumverhalten oder das Wahlverhalten bei politischen Wahlen bis zu einem gewissen Grad vorhergesagt werden.

Unsere Entwicklung verläuft jedoch nicht linear. Sie ist nicht eindimensional, sondern multidimensional. Wir sind mit verschiedenen Systemen, mit anderen Menschen und Gruppen und deren Einflüssen verbunden. Jeder Mensch verarbeitet diese auf eigene Weise.
Daraus entsteht Neues, wir sind kreative Wesen. Wir entwickeln eine Vielfalt an Lebensmöglichkeiten. Somit bleibt die Entwicklung lebender Systeme – wie das des Menschen, prinzipiell unvorhersehbar.


Selbstheilkraft:

Durch die Selbstregulation heilen viele körperliche und seelische Wunden ohne jegliche Therapie. Dadurch erhalten wir ein möglichst harmonisches Gleichgewicht im Organismus aufrecht. Allerdings brauchen wir dafür ein gesund ausgeprägtes Gehirn und Nervensystem – ansonsten sind die selbststeuernden Fähigkeiten eingeschränkt.

Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnen wir die Selbstregulation als Selbstheilkraft.
Indem wir leben, finden von Natur aus ordnende = heilsame Prozesse in unserem Organismus statt. Heil sein liegt demnach im Leben selbst.


Das Grundvertrauen – Wir sind vom Leben gewollt:

Bereits mit unserem Eintreten in das Erdendasein im Augenblick der Befruchtung verfügen wir über ein gewisses Maß an Grundvertrauen: Wir vertrauen dem Leben. Ansonsten würden wir nicht leben. Wir würden nicht hierher auf die Erde kommen.

Wir haben den befruchtenden Zeugungsprozess erlebt und überlebt. Wir verfügten offenbar über das Potential, damit wir das Erdendasein antreten konnten. Diese Lebensgewissheit, wirkt in uns als transzendente Erfahrung unbewusst weiter. Wir wissen uns von etwas getragen, das unser ganzes Menschsein nährt. Wir fühlen, dass Leben in uns wirkt und uns trägt.
Auch dieses machtvolle Vertrauen in das Leben berühren Sie, wenn Sie einen Menschen berühren.

Im Mutterleib sind wir gereift, wir begannen unserem leiblichen Funktionieren zu vertrauen. Das natürliche biologische Milieu im Mutterleib schenkt uns bereits das, was wir zum Leben brauchen. Es erfüllt unsere Grundbedürfnisse. Sofern es der Mutter körperlich und psychisch gut geht, wächst während ihrer Schwangerschaft auch das Vertrauen der Leibesfrucht.
Im Bauch der Mutter waren wir sicher geborgen, vor Erschütterungen geschützt.
Im warmen Fruchtwasser waren wir körperlich wohl gespannt und bewegten uns mit Leichtigkeit.
Wir wurden genährt.
Wir waren emotional innig mit der Mutter verbunden.
Vielleicht hat sie uns gestreichelt, wenn sie ihre Hand auf ihren Bauch gelegt hat. Sie hat wohl auch mit der Familie und mit Freund*innen über das junge Leben gesprochen, das in ihrem Leib heranwuchs. Es gehörte bereits zur Familie, noch bevor es das Licht der Welt erblickt hat.

All das hat dazu beigetragen, dass wir Vertrauen entwickelt haben. Hat uns die Mutter vollkommen angenommen – wie immer unser Körper nach der Geburt gestaltet war, so hat dies unser Vertrauen zusätzlich bekräftigt.

Wurden wir nach der Geburt und im ersten Lebensjahr behütet und versorgt, so haben wir Vertrauen in unsere Bezugspersonen entwickelt.
Nach dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson entsteht im ersten Lebensjahr nicht nur das Ur-Vertrauen. Sondern auch das Ur-Misstrauen – falls dem Neugeborenen seine Grundbedürfnisse nach körperlicher Nähe, nach Versorgung, nach Sicherheit und Geborgenheit nur mangelhaft erfüllt wurden.
Damit sich das Kind gesund psychisch entwickelt, müssen die Vertrauenserfahrungen überwiegen.

Gerät das Grundvertrauen ins Wanken – sei es durch beeinträchtigende schicksalhafte Ereignisse, durch Krankheit, Unfall… so kann dies zu Gefühlen der Unsicherheit führen. Doch die gute Nachricht ist: Wir können Gefühle des Vertrauens und der Sicherheit wiederaufbauen.


Neuronale Plastizität - Wir formen uns neu

Wir können unangenehme Erinnerungen zwar nicht löschen, doch wir können neue angenehme Erfahrungsmuster leiblich verankern. Es ist eine neurophysiologische Tatsache, dass die Bewegungsabläufe (Motorik) von der sinnlichen Körperwahrnehmung (Sensorik) wesentlich beeinflusst werden.
Diese Tatsache nützen moderne Traumatherapien und Methoden der Sensorischen Integration durch KörperSelbstwahrnehmung und Bewegung. Dabei klingen Schmerzen ab, wir erlernen neue Bewegungsmuster und oft auch neue Verhaltensweisen.

Seit in den 1990er die bildgebenden Verfahren der Magnetresonanztomografie (MRT) die Aktivierung der Gehirnareale darstellen, sind solche Arbeitsweisen auch neurowissenschaftlich bestätigt. Nun können die subjektiv empfundenen Auswirkungen auf das Gehirn objektiv nachgewiesen werden – die Wirkung von Medikamenten und Placebos genauso wie die Wirkung von Meditation oder Körpertherapie.

Wie geschieht das?
Je nachdem was wir erleben, passt sich das Gehirn unseren Erfahrungen an – wir sprechen von neuronaler Plastizität. Dabei verändern Synapsen, Nervenzellen und ganze Hirngebiete ihre Struktur und dadurch auch ihre Funktion.
Organisch betrachtet sind wir demnach bestens ausgestattet, neue neuronale Verknüpfungen herzustellen, die mit angenehmen Gefühlen versehen sind. Einstmals unangenehme Erfahrungen verlieren dabei ihre belastende Macht.
Durch häufigen Gebrauch des neuen Bewegungsverhaltens ergänzen die neuen Muster die vormals belastenden Erfahrungen und überlagern sie.
Dabei wächst das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit des eigenen Körpers wie Standfestigkeit und Bewegungsfähigkeit.

Bei lange zurückliegenden oder chronischen Schmerzerfahrungen braucht das neuordnende Geschehen längere Zeit – denn das Schmerzliche ist bereits fest im Nervensystem verankert.


Resilienz – Psychische Widerstandskraft:

Unser Grundvertrauen bringt psychische Widerstandsfähigkeit mit sich – wir sind resilient. Wir verfügen über ausreichende Eigenschaften, um herausfordernde Situationen zu bewältigen. Und dies trotz schwieriger Lebensumstände, wie Armut, Verlust der Heimat, wenig Fürsorge im Elternhaus u.a.m.
Wir entwickeln Strategien, damit wir mit Herausforderungen erfolgreich umgehen. Wir nützen unsere Fähigkeiten (Ressourcen). Dadurch sind wir in der Lage, Krisen zu bewältigen. Nach Unfällen oder Krankheit wirken wir tatkräftig am Heilungsprozess mit. 

Selbst wenn wir unsere Ressourcen nicht von Anbeginn voll ergreifen, wir können lernen, sie zu nützen. Sich bewusst wahrnehmen und spüren was im Körper vorgeht, trägt wesentlich dazu bei. Einzig vom Verstand her lässt sich Resilienz nicht aktivieren.

Falls die psychische Widerstandskraft geschwächt wurde, so lässt sie sich wieder stärken. Besonders hilfreich wirken hier generationenübergreifende emotionale Bindungen. Sei es durch das Leben in Gemeinschaften in denen innere Werte vermittelt werden, sei es durch Bindungen zu den Eltern, Großeltern, zu weisen Menschen, LehrerInnen...

Wenn Sie einen Menschen berühren, so berühren Sie auch alle lebensförderlichen Kräfte die ihm zur Verfügung stehen – das was ihn nährt und stärkt.

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